Das letzte Buch von dem algerischen intellektuellen Mustapha Chérif: „Begegnung mit Jacques Derrida: Der Islam und der Westen“ ist als Bericht über einen offenen und kritischen Dialog zu lesen, den er mit dem Philosophen Jacques Derrida, ein Jahr vor seinem Tod, geführt hat. Ein Dialog, welcher die Fragen der Alterität, der Beziehung zwischen dem Westen und der islamischen Welt sowie der Gewalt, Globalisierung, Souveränität und Demokratie thematisiert, neu (anders) denkt und in Frage stellt.
Das Buch betreibt eine Dekonstruktion des fundamentalistischen Islam, der die Religion usurpiert und politisch instrumentalisiert und sie in einer Industrie des Todes verwandelt einerseits und der Selbstgenügsamkeit eines Westens, der im Namen einer wissenschaftlichen Rationalität die Differenz und die Andersheit des Anderen verweigert, anderseits. Wie Chérif das erläutert hat: Man will eine reduktionistische Version des Menschlichen durchsetzen, die jede Form der Religiosität als Obskurantismus brandmarkt.
Derrida lehnt , im Gegensatz zu den meisten Philosophen, jede Form des Sagen-Wollen, und damit auch jeder Verteuflung des Religiösen, ab. Die Anderen, sollte man, ihm zufolge, bedingungslos empfangen. Deshalb weist Derrida die Theorie vom Zusammenprall der Kulturen und die ganzen Verschwörungstheorien, die nach dem 11. September 2001 entstanden sind, welche eine Produkt der wechselseitigen Ignoranz darstellen, zurück und verteidigt die Pluralität der Zivilisation und des eigenen kulturellen Erbe:
„Ich möchte hier und heute als Algerier sprechen, als ein Algerier, der zu einem gegebenen Zeitpunkt Franzose wurde, seine Staatsbürgerschaft verlor und sie wiedererlangt hat. Unter allen Kulturellen Reichtümern, die ich empfangen, die ich geerbt habe, zählt meine algerische Kultur zu denen, die mir den stärksten Halt boten“ (S.43).
So fängt Derrida , dieser Philosoph, der immer betonte, dass er mehr als eine Erbe besaß, mit dem Gespräch über das Unbehagen unseres Jahrhunderts, an, und fügt hinzu, dass seine Arbeiten nicht möglich gewesen wären, wenn er nicht „eine Art Kind vom Rande Europas gewesen wäre“. Derrida unternimmt eine Dekonstruktion des Kolonialismus, der dieses Kind in Ihm, ein Kind, das mehr als eine Mutter besaß, in einer monolithischen Identität zu reduzieren versuchte. Der französische Kolonialismus hat die „Sprache des Anderen“ zum Tode verurteilt
im Falle Algeriens: die arabische Sprache- und eine Politik der Indoktrinierung durchgeführt, die alles über die Grosse Frankreichs sagte und Kein Wort über Algerien und die algerische Kultur verlor. Aber für Derrida waren die Beziehungen zwischen dem Westen und der islamischen Welt nicht nur kriegerische Beziehungen, und führt als Beispiel die andalusische Kultur, in welcher die grieschichen, jüdischen und islamischen Kulturen sich miteinander mischten und aufpfropften. Derrida sagt, dass die Kultur des Maghrebs eine Okzidentale ist, und fügt hinzu, dass es mehrere Islame gibt, wie mehrere Okzidente.
Derrida plädiert für eine offene form der Demokratie, die man nicht in einem fixen Modell reduzieren kann. Die Demokratie ist im Gegensatz zu anderen politischen Systemen eine offene Form des Regierens, sie ist ihrer Geschichtlichkeit bewusst. Derrida spricht von einer kommenden Demokratie (Démocratie à venir), die selbstkritisch wird und die, den Dialog, den offenen Dialog erst ermöglichen wird. Diese kommende Demokratie muss sich aber von ihrem grieschichen Erbe befreien, nämlich die Autochtonie (Zugehörigkeit per Geburt), den Begriff des Territoriums und des Staates. Derrida plädiert für eine Demokratie, die nicht schlicht und einfach mit dem Nationalstaat und der Staatsbürgerschaft verbunden ist. Die Bewahrung der Andersheit des Anderen ist das erste Gebot dieser Kommenden Demokratie, oder dieser „schwachen“ Politik, die sich jenseits der Staatbürgerschaft und der Souveränität, in der Gastfreundschaft, in der unbedingten Gastfreundschaft, verwirklicht. Aber was sind die Bedingungen dieser Kommenden Demokratie? Derrida zu folge:
„brauchen wir ein wirklich internationales Recht, sowie erneuerte internationale Institutionen, die respektiert werden und in der Lage sind, ihre Entscheidungen durchzusetzen“ (S.57).
Was Derrida also mit einem wirklichen internationalen Recht meint, ist die unbedingte Kritik des herrschenden internationalen Recht, die sich auf eine unbedingte Souveränität beruht. Wie Derrida das in Voyous (dt. Schurken) verteidigt hat: Die kommende Demokratie ist jenseits dieser Unbedingtheit der Souveränität, die ist eine relative, teilbare, offene. Die Souveränität muss geteilt werden. Es gibt keine selbstgenügsame Souveränität mehr. Derrida setzt sich für eine schwache und heterogene Souveränität, die sich jenseits jeder Form der Zugehörigkeit stattfindet. Da jede Souveränität ist vom Missbrauch der Macht kontaminiert . In diesem Sinne kritisiert Derrida jeden Versuch die Demokratie zu exportieren, die eine neue und gewalttätige Form der Missionierung darstellt, wie es der Fall mit dem Irak gewesen ist.
Pluralität ist dann das Wesen dieser kommenden Demokratie, und das Wesen der Zivilisation, die die Anerkennung der Andersheit des Anderen voraussetzt. Derrida zufolge gibt keine reine oder homogene Zivilisation und jede Form der sprachlichen oder kulturellen Hegemonie ist eine Verarmung und Bedrohung des Lebens:
„Es ist jedoch sehr schwierig, diese Vielfalt und Pluralität zu respektieren, denn dazu müssen wir das Idiom pflegen. Was ich Idiom nenne, ist die Einzigartigkeit der Sprache des Anderen, das heißt die Poesie des Anderen. Ohne das Idiom des Anderen gibt es weder Poesie noch Offenheit. Es gilt, das Idiom eines jeden zu respektieren, nicht nur die sogenannten Nationalidiome, sondern die Idiome jedes einzelnen, dass heißt seine Art zu sprechen, zu sein und zu signieren...“ (S.93).
Deshalb kritisiert Derrida, in einer doppelten Kritik à la Khatibi, die nebulöse Rhetorik der Globalisierung, die im Namen der Wissenschaft und der Liberalisierung der Märkten eines bestimmten Model des Lebens und des Denkens dem Anderen zu oktroyieren versucht einerseits und jede Form des religiösen Kommunitarismus anderseits, ab. Der, ihm zufolge, die Individualität unterdrückt. Er plädiert für eine Säkularisierung des Politischen in der arabischen Welt. Da die kommende Demokratie die Laizität voraussetzt, welche eine doppelte Befreiung bedeutet: Die des Politischen vom Theologischen, und die des Theologischen von jeglicher politischen Instrumentalisierung. Da die Vermischung beider Sphären zum Totalitarismus führt. Wir brauchen aber eine neue Form der Laizität, die keinen aggressiven Zwangscharakter besäße, eine Idee, die Jahrzehnte Lang Mohamed Arkoun stets verteidigte.
Das Buch betreibt eine Dekonstruktion des fundamentalistischen Islam, der die Religion usurpiert und politisch instrumentalisiert und sie in einer Industrie des Todes verwandelt einerseits und der Selbstgenügsamkeit eines Westens, der im Namen einer wissenschaftlichen Rationalität die Differenz und die Andersheit des Anderen verweigert, anderseits. Wie Chérif das erläutert hat: Man will eine reduktionistische Version des Menschlichen durchsetzen, die jede Form der Religiosität als Obskurantismus brandmarkt.
Derrida lehnt , im Gegensatz zu den meisten Philosophen, jede Form des Sagen-Wollen, und damit auch jeder Verteuflung des Religiösen, ab. Die Anderen, sollte man, ihm zufolge, bedingungslos empfangen. Deshalb weist Derrida die Theorie vom Zusammenprall der Kulturen und die ganzen Verschwörungstheorien, die nach dem 11. September 2001 entstanden sind, welche eine Produkt der wechselseitigen Ignoranz darstellen, zurück und verteidigt die Pluralität der Zivilisation und des eigenen kulturellen Erbe:
„Ich möchte hier und heute als Algerier sprechen, als ein Algerier, der zu einem gegebenen Zeitpunkt Franzose wurde, seine Staatsbürgerschaft verlor und sie wiedererlangt hat. Unter allen Kulturellen Reichtümern, die ich empfangen, die ich geerbt habe, zählt meine algerische Kultur zu denen, die mir den stärksten Halt boten“ (S.43).
So fängt Derrida , dieser Philosoph, der immer betonte, dass er mehr als eine Erbe besaß, mit dem Gespräch über das Unbehagen unseres Jahrhunderts, an, und fügt hinzu, dass seine Arbeiten nicht möglich gewesen wären, wenn er nicht „eine Art Kind vom Rande Europas gewesen wäre“. Derrida unternimmt eine Dekonstruktion des Kolonialismus, der dieses Kind in Ihm, ein Kind, das mehr als eine Mutter besaß, in einer monolithischen Identität zu reduzieren versuchte. Der französische Kolonialismus hat die „Sprache des Anderen“ zum Tode verurteilt
im Falle Algeriens: die arabische Sprache- und eine Politik der Indoktrinierung durchgeführt, die alles über die Grosse Frankreichs sagte und Kein Wort über Algerien und die algerische Kultur verlor. Aber für Derrida waren die Beziehungen zwischen dem Westen und der islamischen Welt nicht nur kriegerische Beziehungen, und führt als Beispiel die andalusische Kultur, in welcher die grieschichen, jüdischen und islamischen Kulturen sich miteinander mischten und aufpfropften. Derrida sagt, dass die Kultur des Maghrebs eine Okzidentale ist, und fügt hinzu, dass es mehrere Islame gibt, wie mehrere Okzidente.
Derrida plädiert für eine offene form der Demokratie, die man nicht in einem fixen Modell reduzieren kann. Die Demokratie ist im Gegensatz zu anderen politischen Systemen eine offene Form des Regierens, sie ist ihrer Geschichtlichkeit bewusst. Derrida spricht von einer kommenden Demokratie (Démocratie à venir), die selbstkritisch wird und die, den Dialog, den offenen Dialog erst ermöglichen wird. Diese kommende Demokratie muss sich aber von ihrem grieschichen Erbe befreien, nämlich die Autochtonie (Zugehörigkeit per Geburt), den Begriff des Territoriums und des Staates. Derrida plädiert für eine Demokratie, die nicht schlicht und einfach mit dem Nationalstaat und der Staatsbürgerschaft verbunden ist. Die Bewahrung der Andersheit des Anderen ist das erste Gebot dieser Kommenden Demokratie, oder dieser „schwachen“ Politik, die sich jenseits der Staatbürgerschaft und der Souveränität, in der Gastfreundschaft, in der unbedingten Gastfreundschaft, verwirklicht. Aber was sind die Bedingungen dieser Kommenden Demokratie? Derrida zu folge:
„brauchen wir ein wirklich internationales Recht, sowie erneuerte internationale Institutionen, die respektiert werden und in der Lage sind, ihre Entscheidungen durchzusetzen“ (S.57).
Was Derrida also mit einem wirklichen internationalen Recht meint, ist die unbedingte Kritik des herrschenden internationalen Recht, die sich auf eine unbedingte Souveränität beruht. Wie Derrida das in Voyous (dt. Schurken) verteidigt hat: Die kommende Demokratie ist jenseits dieser Unbedingtheit der Souveränität, die ist eine relative, teilbare, offene. Die Souveränität muss geteilt werden. Es gibt keine selbstgenügsame Souveränität mehr. Derrida setzt sich für eine schwache und heterogene Souveränität, die sich jenseits jeder Form der Zugehörigkeit stattfindet. Da jede Souveränität ist vom Missbrauch der Macht kontaminiert . In diesem Sinne kritisiert Derrida jeden Versuch die Demokratie zu exportieren, die eine neue und gewalttätige Form der Missionierung darstellt, wie es der Fall mit dem Irak gewesen ist.
Pluralität ist dann das Wesen dieser kommenden Demokratie, und das Wesen der Zivilisation, die die Anerkennung der Andersheit des Anderen voraussetzt. Derrida zufolge gibt keine reine oder homogene Zivilisation und jede Form der sprachlichen oder kulturellen Hegemonie ist eine Verarmung und Bedrohung des Lebens:
„Es ist jedoch sehr schwierig, diese Vielfalt und Pluralität zu respektieren, denn dazu müssen wir das Idiom pflegen. Was ich Idiom nenne, ist die Einzigartigkeit der Sprache des Anderen, das heißt die Poesie des Anderen. Ohne das Idiom des Anderen gibt es weder Poesie noch Offenheit. Es gilt, das Idiom eines jeden zu respektieren, nicht nur die sogenannten Nationalidiome, sondern die Idiome jedes einzelnen, dass heißt seine Art zu sprechen, zu sein und zu signieren...“ (S.93).
Deshalb kritisiert Derrida, in einer doppelten Kritik à la Khatibi, die nebulöse Rhetorik der Globalisierung, die im Namen der Wissenschaft und der Liberalisierung der Märkten eines bestimmten Model des Lebens und des Denkens dem Anderen zu oktroyieren versucht einerseits und jede Form des religiösen Kommunitarismus anderseits, ab. Der, ihm zufolge, die Individualität unterdrückt. Er plädiert für eine Säkularisierung des Politischen in der arabischen Welt. Da die kommende Demokratie die Laizität voraussetzt, welche eine doppelte Befreiung bedeutet: Die des Politischen vom Theologischen, und die des Theologischen von jeglicher politischen Instrumentalisierung. Da die Vermischung beider Sphären zum Totalitarismus führt. Wir brauchen aber eine neue Form der Laizität, die keinen aggressiven Zwangscharakter besäße, eine Idee, die Jahrzehnte Lang Mohamed Arkoun stets verteidigte.

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